Von Bros und Yamas….

Die Yamas und Niyamas sind sowas wie die Dos and Don’ts der Yogis – auf und auch abseits der Matte. Ein Wertesystem. Die Ethik des Yoga, wenn man so will. Dazu gehören Dinge wie Wahrhaftigkeit, nicht Stehlen, Mäßigung, Gewaltlosigkeit. Zu Zeiten Patanjalis genau wie heute Werte, die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, aber auch die Beziehung zu dir selbst verbessern.

Gewaltlosigkeit – Ahimsa – das bedeutet, Gewalt / Verletzung gegenüber sich selbst und auch anderen Lebewesen zu vermeiden bzw. auf ein Minimum zu reduzieren. In Taten, Worten und Gedanken. Auf der Matte beginnt Ahimsa mit dem wohlwollenden Blick auf dich selbst. Hör auf, dich permanent mit den super-flexiblen Instagram-Yogis zu vergleichen und dich schlecht zu fühlen, weil du im seitlichen Winkel nicht auch noch binden, einen Fuß nach vorn setzen und dich federleicht und mit Kontrolle in die Birds of Paradise erheben kannst. Sei gut zu dir, wertschätze das, was dein Körper heute leisten kann, und übe stetig weiter in dem Vertrauen, dass das alles eines Tages kommen wird.

Ahimsa bedeutet aber auch, sich anderen Erdenbewohnern gegenüber gewaltlos zu verhalten. Jeder kämpft seinen eigenen täglichen Kampf gegen Ängste, Nöte, Zweifel und Herzschmerz. Da müssen wir nicht auch noch einen draufsetzen. Nicht mit Taten, nicht mit Worten, nicht mit Gedanken. Es geht darum, auch andere wertschätzend und wohlwollend zu betrachten, und nicht für ihre Herkunft, ihr Erscheinungsbild, ihr Geschlecht oder ihre sexuelle Orientierung zu verurteilen.

Es geht um Respekt und Akzeptanz. Selbstverständlich fällt uns das bei einigen Menschen leichter als bei anderen.

Heute wurde meine gewaltlose, respektvolle, wohlwollende Einstellung zu den restlichen Erdenbewohnern mal wieder ein wenig auf die Probe gestellt. Ich hatte einen Termin mit einem potentiellen Geschäftspartner. Dieser erschien an unserem Tor, zu spät, mit einem fetten schwarzen BMW Cabrio – Nummernschild B-RO xxxx. Mein erster Gedanke: OH! MEIN! GOTT! Der Typ selbst mit viel zu enger Hose und Poser-Goldkette um den Hals, der aus dem Auto ausstieg, war mir jetzt auf Anhieb auch nicht unbedingt sympathischer.

BAM, da waren sie, alle meine Vorurteile, die man als guter Yogi nicht hat. Oder doch?

Jeder hat Vorurteile. Auch wer nichts gegen Homosexuelle, Ausländer, Frauen oder Muslime hat, hat möglicherweise gewisse Vorstellungen zu den Eigenschaften von Friseurinnen oder vielleicht eine Abneigung gegen reiche Erben. Oder gegen Menschen, die Kevin oder Chantal heißen. Und fast jeder von uns kennt umgekehrt auch das Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu werden, sei es wegen der blonden Haare oder eines Tattoos. Vorurteile sind menschlich.

Früher waren sie sogar überlebenswichtig. Es sind Übergeneralisierungen unseres Gehirns, die uns dabei halfen, blitzschnell zu entscheiden, ob wir es mit Freund oder Feind zu tun haben. Und im Zweifelsfall lieber Feind, das ist sicherer… Insbesondere in stressigen Situationen verfallen wir daher gerne der Klarheit und Einfachheit von Vorurteilen, auch wenn sie mit der Wahrheit nicht viel zu tun haben.

Vielmehr fußen unsere Vorurteile auf dem, was wir bislang erlebt haben, welche Erfahrungen wir in vergleichbaren Situationen gemacht haben – selbst erlebt, von den Eltern gelernt, von Bekannten erzählt oder im Fernsehen gesehen. Häufigkeit und Intensität des Erlebens sind dabei wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Informationen.

Wer das weiß und sich das immer wieder bewusst macht, hat aber die Chance, diesen Teufelskreis realitätsferner Wahrnehmung zu durchbrechen und zu hinterfragen. Dem Gegenüber eine Chance zu geben, indem man sich die Mühe macht, denjenigen kennen zu lernen und hinter die sorgsam aufgerichtete Mauer aus Vorurteilen zu blicken.

Vielleicht stellt sich dann ja heraus, dass wir mit unserem Vorurteil ziemlich daneben lagen und die Blondine doch blitzgescheit ist. Und der Bro am Ende doch kein chauvinistischer Idiot…

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s